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LKZ 22. Oktober 2010

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Freitag, 22. Oktober 2010

Ludwigsburger Kreiszeitung / Foto: Christian Steiner

GLEICH HINTERM GEISTERHAUS.

Ein neues Stadtviertel schießt in die Höhe - Hartenecker Höhe will modern und ökologisch sein.

Vorne am Eingang zur Flakkaserne die bronzene Tafel an der Mauer, die an die Gefallenen der Weltkriege erinnert. Abgebildet ist ein antiker Kämpfer mit Wehrmachtshelm, der stürzt und trotzdem das Schwert erhebt. Alte Bäume mit ausladenden, wuchtigen Ästen werfen dunkle Schatten auf den Boden. Etwas seitlich steht das alte Wachgebäude, weiter hinten das Offizierskasino. Mit zersplitterten Scheiben, einer verriegelten Tür. Kinder haben schon mal drangeklopft - und sind schnell weggerannt. Weil´s das Geisterhaus ist, sagen sie.

Es ist wie sie noch verbliebenen Gebäude denkmalgeschützt, und wer weiß, was für harte Worte und Geistergeheul diese Kasernenmauern schon gehört haben. Bevor die US-Army kam, bevor die Jungend dort unbeschwert Rock- und Beatkonzerte besuchte. Gerichte haben hier Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt, die im benachbarten Schießtal hingerichtet wurden. Später waren Nazis interniert.

Diese Zeiten sind vorbei. Wo die Kaserne war, stehen heute Kräne. Gelbe und blaue, und die Bauleute interessieren sich nur noch dafür, wie viel Beton sie anmischen müssen. Klafft da noch ein tiefes Bauloch, wird ein paar Schritte weiter schon der Rasen eingesäht. Ein neues Stadtviertel schießt in die Höhe. Etwa 800 Familien werden auf der Hartenecker Höhe einmal wohnen, vielleicht auch mehr. Grundstücke für über 30 Millionen Euro wurden bereits verkauft.

Es ist eine der schönsten Stellen Ludwigsburgs. Von hier aus kann der Blick bis hinunter zum Neckar schweifen, man sieht bis zu den Hohenecker Weinbergen und in der Ferne den schwäbisch-fränkischen Wald. „Bestlage“ würden Immobilienhändler sagen. Wer schon mitten im geschäftigen Treiben wohnt, sagt: „Es ist mehr als das.“

Mehr wollte auch die Stadt. Sie hat das heruntergekommene Kasernengelände neu entworfen, es in energetisch modernste Zeiten katapultiert. Eine friedliche Revolution sozusagen. seit wenigen Wochen ist das Gebiet an das Holzheizkraftwerk angeschlossen, ein einmaliges Projekt, das die Wohnungen und Häuser mit Wärme aus regenerativer Energieerzeugung versorgt. Dafür wurden quer durch die Stadt die Straßen aufgerissen. Anfängliche Skepsis ist der Begeisterung gewichen: „Die regenerative Wärme kommt überwiegend gut an“, sagt Baubürgermeister Hans Schmid, der jüngst den Gemeinderat über das Gelände lotste. Es gibt sogar Anfragen von ausserhalb des Baugebietes - etwa aus dem Schlösslesfeld, die diese neue Energieform nutzen wollen.

Natürlich will man bei den kommunalen Bauten nicht zurückstellen. Da ist die frühere Sporthalle der Kaserne. Schimmel gab´s, der Boden musste entsorgt werden. Jetzt wird daraus ein Kinder- und Familienzentrum für rund 100 Kinder, mit höchsten energetischen Ansprüchen. Geld bekommt man auch von Europa.

Dieses große Gebäude steht entbeint und noch ohne Fenster neben den Platanen und Ahornbäumen. Bäume, die bis zu hundert Jahre alt sein können. 335 Bäume kann man zählen. Viele sind 1918 nach dem Ersten Weltkrieg gepflanzt worden, dann erst wieder 1958 und in den siebziger Jahren. Noch zweihundert Bäume sollen gesetzt werden heisst es, womit man Verluste durch die Abholzung ausgleichen will.

Immerhin gefällts den Vögeln. Von den 43 Brutvogelarten, die auf der Hartenecker Höhe gezählt wurden, hat sich nur einer rar gemacht: der Mäusebussard. Die anderen blieben im Umfeld, bald werden sie wieder in den Baumkronen zwitschern.

Im Osten des Geländes schmiegen sich vor allem Einfamilienhäuser an Ossweil an, im Westen wachsen mehrstöckige Blocks empor. Noch zeigen sie nicht ihr familienfreundliches  Gesicht, doch wer hinter die Fassade schaut, sieht auch dort eine Besonderheit. Ludwigsburg ist schon jetzt stolz darauf. Die Bewohner dürfen mitreden, wenn es um die Gestaltung ihrer neuen Allee geht. Das ist nicht selbstverständlich.