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LKZ 14. September 2015

Montag 14. September 2015

Ludwigsburger Kreiszeitung / Foto: Benjamin Stollenberg

Die neue Tafel mit Oberbürgermeister Werner Spec (links) und US-Major Alex James Ramage.

Geschichte mit aktuellem Bezug

Ein Trommler in der Uniform der Leibgarde Herzog Carl Eugens geht den Fahnenträgern voran, ein Eh- renspalier für deutsche und ameri- kanische Soldaten, für Veteranen und Reservisten. Die Enthüllung ei- ner Gedenktafel für die US-Army und deren Zeit in der Flakkaserne war für OB Werner Spec auch An- lass, Flüchtlingspolitik und rechte Parolen in den Blick zu nehmen.

Es hat beinahe 25 Jahre seit dem Abzug der Amerikaner gedauert, bis eine Platte an der restaurierten Kasernenmauer ne- ben dem früheren Wachthaus enthüllt wurde. Aus dem Englischen übersetzt steht darauf: „Zu Ehren und in dankbarer Erinnerung den amerikanischen Soldaten gewidmet, die in der Flakkaserne Lud- wigsburg von 1950 bis 1991 dienten.“

Den bundesweiten „Tag des Denkmals“ hat die Stadt Ludwigsburg zum Anlass ge- nommen, die neue Tafel gestern einzuwei- hen, rund 150 Besucher waren zu dem An- lass in die Comburgstraße gekommen.

Flakkaserne – die Amerikaner hatten den Namen einfach von der Wehrmacht übernommen. „Eine Seltenheit“, wie Ger- hard Kannapin von der militärhistori- schen Gesellschaft in seinem Kurzvortrag über die Geschichte des Standortes her- vorhob. Alle Gebäude hätten sich ab 1936 um einen zentralen Technik- und Werk- stattbetrieb gruppiert, auch um den Ap- pell- und Exerzierplatz, der mehrere Fuß- ballfelder groß gewesen sei. Wachthaus, Kasino, Stabsgebäude, Offizierswohnhaus, Unterkünfte für die Mannschaften, die Kantinen, Turnhalle und das Krankenre- vier: Gut 1000 Soldaten sollen es gewesen sein, die hier untergebracht waren.

Dem Flakregiment folgten nach Kriegs- beginn 1939 Ersatztruppenteile, Ausbil- dungseinheiten und Nachschubformatio- nen sowie Militärgerichte. Nach der Kapi- tulation der Nazis, wurden hier bis zu 10 000 NS-Verdächtige gleichzeitig inter- niert und „abgewickelt“. Bis schließlich 1950 die US-Armee das Gelände bean- spruchte. Sie blieb bis zum ersten Golf- krieg 1991 und kehrte von diesem Einsatz nicht zurück. 16 Jahre lang lag das Areal danach brach, bis daraus das Wohngebiet Hartenecker Höhe entstand.

Mehr als ein Stück Edelstahl

„Die Beziehungen zwischen den GI’s und der Bevölkerung waren stets eng und freundschaftlich“, meinte Kannapin. Schon 1954 wurde der deutsch-amerikani- sche Club gegründet, bereits 1959 sei ge- meinsam am Kasernentor ein Denkmal für die toten deutschen Flaksoldaten ein- geweiht worden.

Der meterlange Schriftzug „Flakkaser- ne“ verbindet an der historischen Mauer das alte und neue Denkmal. „Für uns ist diese Tafel mehr als ein Stück Edelstahl“, betonte Major Alex James Ramage von der US Army Garrison Stuttgart. „Es ist eine Ehre für uns. Eine Bestätigung von Part- nerschaft und Freundschaft zwischen Deutschland und den USA, die stärker denn je ist.“

OB Spec: Entschieden Paroli bieten

Stand Oktober 1945 habe Ludwigsburg in 26 Kasernen 40 000 Internierte gezählt, dazu rund 10 000 ehemalige Zwangsarbei- ter, 3800 Flüchtlinge und Vertriebene so- wie 1500 Kriegsgefangene, daran erinnerte Oberbürgermeister Werner Spec. Die ak- tuelle Flüchtlingswelle sei damit nicht ver- gleichbar. Aus dieser geschichtlichen Er- fahrung heraus forderte er, ausländer- feindlichen Parolen aktiv und resolut die Stirn zu bieten: „Es ist eine politisch-ge- sellschaftliche Aufgabe, derartigem Ge- dankengut entschieden Paroli zu bieten.“

Das neue Denkmal sei Ausdruck „blei- benden Dankes und dauerhafter Verbun- denheit“ mit Amerika, denen auch Lud- wigsburg viel zu verdanken habe, so Spec in seiner Rede weiter. „Seien sie uns des- halb jederzeit willkommen.“

Eine tolle Zeit sei es gewesen, erinnerte sich der frühere Kommandant Colonel Jo- nathan W. House, der zusammen mit sechs Ehemaligen extra aus den Staaten angereist war. „Wir haben im Kalten Krieg gemeinsam den Ernstfall geübt. Wir hat- ten aber die Zeit, miteinander zu lachen, zu spielen und zu trinken. Wir haben hier Freunde gefunden.“

Neben Schnittchen hatte Bernd Rem- mele von der Bäckerei Luckscheiter deutsch-amerikanische Mini-Amerikaner backen lassen. Passend zu einer sehens- werten Bilder-Ausstellung zur Historie der Flakkaserne im ersten Stock des Cafés.

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 „Das Leben in der Flakkaserne war sehr lebendig. Wir Solda- ten waren jung und sammel- ten in Ludwigsburg viel Le- benserfahrung. Die Flakkaser- ne bot uns alles, was wir zum Zeitvertreib brauchten: eine Turnhalle, um Basketball zu spielen, Bowlingbahn und Tennisplätze. Es war hier wie Klein-Amerika. Schließlich wa- ren hier mehr als 1000 Solda- ten stationiert. Wir sind aber auch zum Feiern in die Bars der Stadt gegangen oder an den Neckar, um Schlauchboot- rennen zu veranstalten. In meinen Augen war die Lud- wigsburger Flakkaserne die schönste Anlage Deutsch- lands. Meine Erinnerung an die Zeit hier ist wunderschön.“

Edward Towse

Unteroffizier (54 ), von 1980 bis 1985 in Ludwigsburg, heu- te Schwäbisch Gmünd

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„Als Kommandant der Flakka- serne und des 4. US-Trans- port-Bataillons hatte ich kaum Freizeit. Ich war eigentlich ständig unterwegs. Gut in Er- innerung sind mir die Übun- gen mit unserem deutschen Partnerschaftsbataillon, einer Nachschubeinheit, geblieben. Gemeinsam mit Angehörigen des 25. Flakregiments haben wir am Volkstrauertag unserer gefallenen Kameraden ge- dacht. Meine kleine Tochter, damals vier Jahre alt, fühlte sich im Märchengarten wie im Himmel, und meine Frau glaubte dagegen beim Shop- pen in Breuningerland im Pa- radies zu sein. Wir sind oft um den Monrepos-See spazieren gegangen.“

Jonathan W. House

Colonel (70), von 1984 bis 1986 in Ludwigsburg, heute North Carolina

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„Ich wäre viel lieber in Lud- wigsburg und der Flakkaserne geblieben, als mit der Operati- on Desert-Storm in den ersten Golfkrieg zu ziehen. Ich habe mich mit meiner Familie hier sehr wohl gefühlt. Ludwigs- burg war für uns Ausgangs- punkt vieler Ausflüge nach Heidelberg und München, in die Schweiz und nach Öster- reich. Als wir von Frau und Kindern getrennt wurden, wussten wir sie in Ludwigs- burg in besten Händen. Die zi- vilen Nachbarn haben sie un- terstützt, wo sie nur konnten. Wir alle schätzten die Nach- barschaft sehr, so wie meine Frau ihren zehn Jahre alten Porsche 911 liebte, so wie ich privat einen Jeep fuhr.

John Dias

Colonel (67), von 1990 bis 1991 letzter Kommandeur der Flakkaserne, heute Colorado Springs